Bergführen bedeutet mehr als vorneweg stapfen
bergundsteigen #31, Herbst 2026; Interview: Rabea Zühlke
Ein Gespräch über internationale Herausforderungen, Fehlerkultur und einen Beruf im Wandel zwischen Tradition, Verantwortung und Klimawandel.

In einem früheren bergundsteigen-Interview hast du gesagt, es sei keine Besonderheit, als erste Frau Präsidentin des Schweizer Bergführerverbands (SBV) zu sein, und hast dich gleichzeitig gegen eine Frauenförderung in der Bergführerausbildung ausgesprochen. Wie blickst du heute – als angehende IVBV-Präsidentin – auf diese Aussage zurück?
Ich bin damals einseitig von meiner eigenen Erfahrung ausgegangen: Für mich war das Frausein im Bergsport nie besonders relevant. Ich habe mich nicht diskriminiert gefühlt und wollte auch nicht speziell gefördert werden. Durch eine Umfrage weiß ich heute allerdings, dass das nicht für alle gilt. Rund ein Drittel der Bergführerinnen, Aspirantinnen und Kandidatinnen hat sich manchmal benachteiligt gefühlt und rund die Hälfte begrüßt Maßnahmen zur Frauenförderung. Deswegen finde ich es richtig, dass Frauenförderung in die aktuelle Strategie des SBV aufgenommen wurde und dass wir eine Reihe von konkreten Maßnahmen definiert und teilweise schon realisiert haben.
Also hat die Rolle rückblickend doch eine größere Bedeutung?
Für mich selber steht meine Rolle als Frau nach wie vor nicht im Zentrum. Gleichzeitig merke ich: Sie hat Wirkung. Das mediale Interesse an mir als „Chefin im Männerclub“ hat mir gezeigt, dass darin ein großer Hebel liegt und dass ich eine Vorbildfunktion innehabe. Ich möchte diese Rolle deshalb ebenso in der IVBV nutzen. Es gibt ja immer noch Mitgliedsverbände, in denen es bis heute keine einzige Bergführerin gibt.
Du hast ursprünglich Jura studiert, wolltest in der Rechtsphilosophie promovieren und hast sogar eine Zeit in einer Art Hippie-Kommune in den USA gelebt. Ein recht ungewöhnlicher Weg zur Bergführerin und Verbandspräsidentin.
Ich habe Jura studiert, weil ich international arbeiten wollte. Mich interessierten das Fremde, das Reisen und die Frage nach Gerechtigkeit. Dann habe ich mich – Ironie des Schicksals – in einen Mann verliebt, der unbedingt in einem Dorf zuhinterst in der Surselva leben wollte. Ich habe mich also beruflich neu orientiert und angefangen, als Juristin am Obergericht in Chur zu arbeiten. Schon bald habe ich festgestellt, dass das für mich nur in einem Teilzeitpensum funktioniert und dass ich eine zusätzliche Herausforderung brauche. So habe ich gewissermaßen als Notlösung die Bergführerausbildung gemacht. Das war genau das Richtige, der Beruf begeistert mich noch immer. Allerdings habe ich schnell gemerkt, dass ich nicht Vollzeit führen möchte. Ich habe mich deshalb eingerichtet mit einem Mix aus Gerichtsarbeit, Familie und Führen, Letzteres rund 30 bis 40 Tage im Jahr.
Wie kam es dann zur Verbandsarbeit beim Schweizer Bergführerverband?
Zur Verbandsarbeit kam ich ohne viel Eigeninitiative wegen meinem juristischen Hintergrund. Man hat mich für verschiedenste Ämter angefragt. Zugesagt habe ich 2009 für das Präsidium der Fachgruppe Expertisen bei Bergunfällen und dann 2020 für das Präsidium beim SBV.
Und der Schritt zur Internationalen Vereinigung der Bergführerverbände (IVBV)?
Auch hier wurde ich angefragt. Dieser Schritt war aber bewusster gewählt. Mir gefällt die Vielseitigkeit der Verbandsarbeit beim SBV. Das geht von politischer Lobbyarbeit über Versicherungsfragen bis hin zu Medienarbeit, Corporate Governance und Fragen zu Struktur und Inhalten der vom SBV angebotenen Ausbildungen. Dabei treffe ich viele interessante Menschen. Nach sechs Jahren im SBV geht meine Amtszeit allerdings diesen Herbst zu Ende und es passt für mich bestens, dann gerade zur IVBV zu wechseln und so eine neue Herausforderung zu bekommen.
Das heißt, du trägst fortan mehr Verantwortung?
Nein, weniger. Die IVBV bietet anders als der SBV keine Ausbildungen an. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, ihren Ausbildungsstandard auf einem angemessenen Niveau zu halten und sicherzustellen, dass dieser Standard in der Bergführerausbildung der 28 Mitgliederverbände eingehalten wird. Dazu kommt der Austausch zwischen den Mitgliedsverbänden über Alpin- und Führungstechnisches. Und Bemühungen, die berufliche Anerkennung und die Bewilligungsverfahren für die Bergführer im Ausland zu erleichtern.
Die 1965 in der Schweiz gegründete IVBV ist heute ein weltweiter Dachverband mit Mitgliedsverbänden aus Europa, Asien, Amerika und Ozeanien. Vor welchen Herausforderungen stehst du dabei persönlich?
Für mich persönlich mit meinem schweizerischen Sinn für Effizienz und Gradlinigkeit wird es wahrscheinlich nicht einfach, die IVBV entschieden und zielgerichtet zu führen, ohne dabei ungeduldig und respektlos zu sein gegenüber Personen und Institutionen mit einem anderen kulturellen Background.
An welchen Aspekten arbeitet die IVBV vor allem in Bezug auf Sicherheitsfragen?
Wir überarbeiten gerade das Auditsystem. Nicht inhaltlich, der Mindeststandard für die Bergführerausbildung, wie er in der „IFMGA Plattform“ umschrieben ist, ist sachgerecht und aktuell. Es geht um Anpassungen beim Wissensaustausch und bei der Kontrolle, diese sollen häufiger und systematischer erfolgen. Neben Sicherheit geht es dabei genauso um Qualität. Wer irgendwo auf der Welt einen IVBV-Bergführer bucht, soll auch in Zukunft sicher sein, dass er ein hochwertiges Erlebnis mit bestmöglichem Risikomanagement erhält.
Gibt es länderspezifische Herausforderungen?
Ja, die gibt es. Der Ausbildungsstandard unterscheidet zwei Ausbildungsformen: die vollständige Ausbildung und die No-Ski-Ausbildung, wie sie in Nepal, Ecuador, Bolivien und Peru angeboten wird. Letztere muss grundsätzlich dieselben Anforderungen erfüllen – nur ohne Ski, aber mit vollständiger Lawinenausbildung. Derzeit laufen Abklärungen dazu, wie gut das umgesetzt wird und ob Maßnahmen nötig sind, um allfällige Defizite zu beheben.
Noch eine Frage an dich als SBV-Präsidentin: Bei den Lawinenunfällen im Führungskontext gibt es besorgniserregende Zahlen. Der Bergführer und Ausbildner Walter Würtl hat die tödlichen Lawinenunfälle der vergangenen zehn Jahre in Österreich betrachtet und fasst die Situation so zusammen: „Nimmt man alle Unfalltoten zusammen, die mit einem Guide unterwegs waren, kommt man auf eine Quote von 26,1 Prozent. Das bedeutet, dass rund jeder vierte Lawinentote geführt unterwegs war!“ International betrachtet liegt die Führungsquote bei tödlichen Lawinenunfällen in der Schweiz bei 18 Prozent, in Frankreich bei 14 und in Kanada bei 21 Prozent, wie der USamerikanische Lawinenexperte Mike Austin schreibt. Wie blickst du auf diese Zahlen?
Ich finde diese Zahlen schockierend hoch. Und ich bin enorm froh, dass die für die Schweiz errechnete Quote von 18 Prozent falsch ist. Für die Jahre 1988 bis 2024 liegt die Quote der von Bergführern geführten tödlichen Lawinenunfälle bei rund sechs Prozent, im Zeitraum von 2010 bis 2024 bei rund fünf Prozent. Ich kann mich dabei auf eine Analyse stützen, die wir gerade erst haben erstellen lassen. Es ging um die grundlegende Frage: Ergibt sich aus den Unfallzahlen Handlungsbedarf? Das ist nicht der Fall. In der Schweiz zeigt sich seit 1988 ein klarer Trend mit sinkenden Unfallzahlen. Das ist umso positiver, wenn man den Skitourenboom der letzten Jahre berücksichtigt. Bei Skitouren sind viel mehr Menschen unterwegs, während gleichzeitig weniger Unfälle passieren. Dank der Verbesserungen bei der Lawinenprognose und in der Lawinenkunde ist unser Risikomanagement im Zusammenhang mit der Lawinengefahr heute besser als früher. Deswegen sehe ich die Situation in der Schweiz nicht als alarmierend, obwohl mich natürlich jeder einzelne geführte Unfall schmerzt.
Was bedeutet das Unfallrisiko für dich persönlich?
Beim privaten Bergsteigen nehme ich es gerne in Kauf, einfach weil ich das Bergsteigen nach all den Jahren noch immer so liebe. Beim Führen trage ich hingegen schwer daran. Es ist mir deshalb wichtig, meine Gäste ehrlich darüber zu informieren, dass Skitouren im Steilgelände mit Nullrisiko nicht möglich sind und dass auch wir Bergführerinnen und Bergführer keine absolute Sicherheit garantieren können. Wenn ein Gast über die Risiken einer Tour aufgeklärt ist und sich trotzdem dafür entscheidet, willigt er gewissermaßen ins Restrisiko ein.
Oft bezieht sich die Kritik eher auf die Führungstechnik und die Fehlerkultur. Viele würden glauben, sie hätten eine Situation im Griff, und würden sich schwertun, eigene Fehlentscheidungen einzugestehen. Wie siehst du diese Kritik am Mindset des Berufsstandes?
Da würde ich widersprechen: Wenn ich mit Gästen unterwegs bin, ist die Risikoaffinität deutlich geringer, als wenn ich allein oder mit Freunden am Berg bin, eben genau darum, weil ich nicht alle Situationen absolut im Griff habe. Die meisten meiner Berufskollegen gehen ebenfalls so vor. Das Ideal hat sich verändert: Der beste Bergführer ist nicht, wer die krassesten Sachen macht und nahe ans Limit geht, sondern der vernünftige Risikomanager, der stets das Wohlergehen und das Erlebnis der Gäste ins Zentrum stellt und sich von persönlichem Leistungsdruck und Konkurrenzdenken lösen kann. In der Bergführerausbildung ist schon lange anerkannt, dass die sogenannten Soft Skills wichtig sind. Die Ausbildner thematisieren sie praktisch auf den Touren und in Theorie. Das ist auch auf IVBV-Ebene ein Thema.
Welche Aufgabe hat die IVBV bei solchen Themen?
Die IVBV sieht in ihrem Ausbildungsstandard Soft Skills zwingend als Inhalt der Bergführerausbildung vor. Allerdings bleibt es in diesem Bereich schwierig: Beim Klettern kann man sagen, jemand muss 6c klettern können. Bei Faktoren wie Eigenmanagement oder Soft Skills ist es dagegen kaum möglich, einen verbindlichen Standard zu setzen.
Was könnt ihr in diesem Bereich sonst noch tun – gerade auf internationaler Ebene?
Die IVBV kann ihre Mitgliedsverbände dabei unterstützen, ihre Ausbildungskonzepte und -unterlagen zum Thema Soft Skills untereinander auszutauschen und gemeinsam weiterzuentwickeln. Dasselbe gilt für die Maßnahmen zur Verbesserung der Fehlerkultur. Sie kann zudem Unfalldaten sammeln und aus den Unfallauswertungen ableiten, wo es allenfalls Handlungsbedarf gibt und was wir verbessern können.
Vor einigen Jahren hat der SBV eine Plattform zur Förderung einer guten Fehlerkultur aufgebaut, über die Bergführerinnen und Bergführer anonym Beinaheunfälle melden können. Wie wurde das angenommen?
Mit der internen Plattform wollten wir erreichen, dass über Beinaheunfälle berichtet wird, damit die Kolleginnen und Kollegen daraus lernen können, nach dem Motto: „Schaut, das ist mir passiert, und ihr sollt nicht denselben Fehler machen.“ Dabei geht es auch darum, uns frei zu machen vom Tabu des Scheiterns, damit das Reden über Fehler als gesund und entlastend erlebt werden kann. Das Ganze wurde allerdings nicht so angenommen, wie wir gehofft hatten. Da braucht es noch etwas mehr Anschub.
Im Austausch mit kanadischen und amerikanischen Bergführern wirkt die Fehlerkultur oft deutlich offener als in Europa. Woran könnte das liegen?
Das habe ich ebenfalls schon von Vertretern der amerikanischen und kanadischen Verbände gehört. Ein Grund könnte sein, dass der Bergführerberuf dort jünger ist. Wir tragen hier in den Alpenländern eine lange Geschichte mit uns, die zwar schön ist, aber manchmal einen Konservatismus mit sich bringt, der nicht immer hilfreich ist.
Und was ist das für ein Narrativ?
Dass Bergsteigen Heldentum bedeutet. Dass wir Bergführer die „Könige der Alpen“ sind. Letzteres ist übrigens nicht meine Beschreibung, sondern der Titel einer historisch-soziologischen Analyse zur Kultur des Bergführerberufs. Beim SBV feiern wir dieses Jahr das 200-jährige Bestehen des Bergführerberufs, auf unserer Webseite findet man einen Film dazu. Auch unsere Feste erzählen davon: Bergführer in Trachten aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert, in denen das Pathos der glorreichen Anfangszeit des Alpinismus bis heute mitschwingt.
Dabei hat sich das Bergsteigen verändert: Bergsport boomt und ist teils zum Breitensport geworden. Liegen darin genauso Chancen zur Weiterentwicklung des Berufs?
Ich denke schon und begrüße den Boom. Bergsport empfinde ich als idealen Ausgleich zum modernen Leben. Er bringt die Menschen aus ihren digitalen Blasen zurück zu sich selber und aus den Büros raus in eine begeisternd schöne Natur. Das tut uns als Gesellschaft gut. Bergsteigen fordert und befriedigt auf vielen Ebenen, körperlich, mental, emotional und sozial. Das bringt uns Bergführer in eine Rolle, in der wir weit über das Sportliche hinaus Gutes für unsere Gäste tun können.
Gleichzeitig bringt der Klimawandel neue Risiken mit sich und wird den Beruf irgendwann zwangsläufig verändern.
Ja, leider bekommen wir in den Bergen die Folgen des Klimawandels in brutaler Klarheit aufgezeigt. Das können wir aber nutzen, um unsere Gäste zu sensibilisieren und dazu zu animieren, das Abenteuer vor der eigenen Haustüre zu suchen statt am anderen Ende der Welt. Darin liegt eine Chance für uns: Bergführen war schon immer mehr als vorneweg zu stapfen. Dass es jetzt ebenso eine ökologische Tragweite haben kann, finde ich persönlich schön.
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