«Zum grossen Glück sind Unfälle mit Bergführern sehr selten»
Berner Oberländer/Thuner Tagblatt, 20.02.2026; Marius Aschwanden, Foto: Raphael Moser
Nach der Verurteilung eines Kollegen wegen fahrlässiger Tötung spricht der oberste Berner Bergführer Hansrudolf Gertsch über Haftung, Druck und die Grenzen der Lawinenbeurteilung.

Hansrudolf Gertsch, Präsident Berner Bergführerverband
Tragischer kann eine Skitour nicht enden. Am 21. März 2021 reisst eine Lawine unterhalb des Wellhorns bei Meiringen zwei Jugendliche in den Tod. Letzte Woche wurde der damals verantwortliche Bergführer wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt.
Im Zentrum des Prozesses am Regionalgericht Thun stand die Frage, ob er bei der folgenschweren zweiten Abfahrt seine Sorgfaltspflichten verletzt hat – oder ob sich ein Restrisiko verwirklichte, das sich in den Bergen nie vollständig ausschliessen lässt.
Es ist eine Gratwanderung für alle Bergführerinnen und Bergführer. Hansrudolf Gertsch begeht sie seit 40 Jahren. Trotz der unzähligen Touren, die er gemeinsam mit Gästen gemacht hat, sagt der Präsident des Berner Bergführerverbands: «Absolute Vorhersehbarkeit gibt es am einzelnen Hang nie.»
Hansrudolf Gertsch, was war Ihr erster Gedanke, als Sie am letzten Freitag vom Urteil hörten?
Ich war weder beim Unfall oder bei der Bergung noch beim Prozess involviert. Es ist zudem auch nicht der erste Vorfall, bei dem ein Bergführer oder eine Bergführerin verurteilt worden ist. Es sind aber immer sehr schlimme Situationen für alle beteiligten Personen. Niemand hat das gewollt. Aus einem schönen Nachmittag ist innerhalb kürzester Zeit eine Tragödie geworden. Ob das Urteil gerechtfertigt ist, dazu kann und will ich mich aber nicht äussern, da ich die genauen Details nicht kenne.
Stehen Bergführer nach diesem Entscheid mit einem Bein im Gefängnis, oder ist das eine übertriebene Vorstellung?
Zum grossen Glück sind Unfälle mit Bergführern sehr selten, und dass es zu einer Verurteilung kommt, ist noch seltener. Ich glaube auch nicht, dass diese in den letzten Jahren zugenommen haben. Die Formulierung ist deshalb wohl etwas gar radikal.
Gäste vertrauen Bergführern ihr Leben an – finden Sie es richtig, dass nach einem Unfall die Frage nach der Verantwortung gestellt wird?
Wir tragen tatsächlich eine riesige Verantwortung. Es ist nicht wie in meinem zweiten Beruf als Zimmermann. Wenn mir da ein Holz misslingt, nehme ich das nächste aus dem Gestell. Zudem leben wir in einer Gesellschaft mit gesetzlichen Regeln. Wenn Unfälle geschehen, muss es möglich sein, zu überprüfen, ob diese eingehalten worden sind. Wenn man sagen würde, das sei unzulässig, müssten wir über unsere Gesetzgebung nachdenken.
Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen einem tragischen Bergunfall und einer strafrechtlich relevanten Fehlentscheidung?
In jedem Beruf gibt es Sorgfaltspflichten. Für uns beginnen die bereits vor der Tour. Ist die führende Person genügend ausgebildet? Hat sie die nötige Bewilligung? Sind die Gäste fähig, die Tour zu machen, und wurden sie über die Gefahren aufgeklärt? Stimmt die Ausrüstung? Wenn diese Basis erfüllt ist, ist man auf der richtigen Spur. Draussen im Gelände gibt es aber kein Schwarz und Weiss. Gerade im Winter ist die Beurteilung im Zusammenhang mit Lawinen sehr schwierig.
Genau darum geht es im vorliegenden Fall. Wann ist ein Risiko noch vertretbar – und wann muss ein Bergführer erkennen, dass er zu weit geht?
Letztlich ist es bei Lawinen eine Frage der Vorhersehbarkeit. Nur ist es extrem schwierig, die Auslösewahrscheinlichkeit eines Hanges zu beurteilen. Man kann lediglich eine Schätzung machen. Doch bei einer Schätzung kann man auch danebenliegen. Für eine sogenannte regelbasierte Entscheidung braucht es Wissen, Erfahrung und ein bisschen Bauchgefühl.
Wann sagen Sie persönlich: Hier drehen wir um?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es kommt auf den Schnee an, das Wetter, das Gelände, die Gäste und auch auf einen selbst.
Was muss ein Bergführer also konkret wissen, bevor er eine solche Entscheidung trifft? Nehmen Sie uns mit auf den Berg.
Eine Tour beginnt am Tag zuvor oder noch besser schon zu Beginn der Saison. Den Schneedeckenaufbau beobachtet man den ganzen Winter über. Bei der konkreten Planung berücksichtigt man die Wetterprognose und das Lawinenbulletin. Wobei auch dieses nur eine Vorhersage ist und auch mal danebenliegen kann. Unterwegs vergleicht man die Verhältnisse dann ständig mit den Erwartungen. Man muss auch einen Plan B haben, Schlüsselstellen herausfiltern und dann vor Ort die Strategie wählen: Geht man einzeln, hält man Entlastungsabstände, oder muss man abbrechen? Das erfordert ständige, 120-prozentige Aufmerksamkeit an den kritischen Punkten.
Das heisst: Die Entscheidung, ob man weitergeht, ist nicht ein einzelner Moment?
Nein. Beim klassischen Tourengehen hat man beim Aufstieg Zeit, das Gelände zu beobachten. Beim Freeriden hingegen, wenn man mit dem Lift nach oben fährt und schnell abfahren will, müssen Entscheidungen extrem rasch gefällt werden.
Machen die Gäste auch Druck? Schliesslich haben sie viel Geld für ein unvergessliches Erlebnis bezahlt.
Ja, gerade beim Freeriden in den grossen Gebieten wie Engelberg oder Chamonix gibt es teilweise recht viel Druck.
Wie stark beeinflusst dieser die Entscheidungen von Bergführern?
Er darf diese nicht beeinflussen. Das ist aber sehr anspruchsvoll. In den erwähnten Gebieten fahren einerseits viele Leute ohne Bergführer wirklich verrückte Hänge, andererseits hat es auch Gruppen mit Führern, die steile Abfahrten machen. In solchen Momenten kann man die Situation nicht ausführlich analysieren, weil wir sehr viel Spuren ist. Und dann kommt noch der Gast und sagt: Hey, weisst du was, dafür habe ich dich nicht engagiert.
Ich versuche, dem aus dem Weg zu gehen, und habe glücklicherweise viele Stammgäste, die nur Skitouren machen wollen. Doch auch dort kann es Druck geben, etwa bei Touren von Hütte zu Hütte. Muss man da abbrechen, muss man als Bergführer klar kommunizieren und den Entscheid begründen. Letztlich ist unser Business eine eingeschränkte Demokratie. Die Gäste müssen akzeptieren, dass Sicherheit vorgeht.
Macht auch der Klimawandel die Risikobeurteilung für Bergführer schwieriger?
Ja, im Winter fast noch mehr als im Sommer. Wir haben oft weniger Niederschlag, dafür starken Wind bei Schneefall und extreme Temperaturwechsel. Das führt zu einem ungünstigen, instabilen Schneedeckenaufbau mit heiklen Altschneeschichten im Inneren.
Heisst das, dass Bergführer heute häufiger auf eine Tour verzichten müssen?
Teilweise ja. In den letzten Jahren hat man vermehrt Lawinenabgänge gesehen, die wir oft kaum erklären können. Obwohl man heute viel mehr Wissen und Hilfsmittel hat, ist die Beurteilung schwieriger geworden.
Wenn die Bedingungen schwieriger vorhersehbar werden: Wird es damit auch schwieriger, einem Bergführer im Nachhinein vorzuwerfen, er hätte die Gefahr erkennen müssen?
Die rechtlichen Leitplanken werden eher enger als weiter. Was Gerichte in Zukunft aus der veränderten Steinschlag- oder Lawinensituation ableiten werden, ist Kaffeesatzlesen. Am Ende bleibt die Tatsache: Absolute Vorhersehbarkeit gibt es am einzelnen Hang nie. Das Einzige, was hundertprozentig schützt, wäre kompletter Verzicht – aber dann könnte man den Beruf gar nicht mehr ausüben.
Denken Sie oder Ihre Kollegen und Kolleginnen in kritischen Momenten an den Staatsanwalt oder an Haftungsfragen?
Es ist tatsächlich schon vorgekommen, dass ich mir oben an einem Hang überlegt habe, was für ein Argument ich im Ernstfall dem Richter vortragen würde. Das ist aber auch nicht einfach schlecht. So fokussiert man sich auf die wesentlichen Indizien. Wenn man merkt, dass das Risiko zu hoch ist, wählt man Variante B. Gerade bei Skitouren sind solche Überlegungen gar nicht mal so selten.
Hatten Sie selbst schon eine Situation, in der Sie im Nachhinein gedacht haben: Das war jetzt verdammt knapp?
Ja, das hat es gegeben. Bei Skitouren, wo man sich reiflich Überlegungen gemacht hat und es dann 200 oder 300 Meter entfernt zu einer Fernauslösung kam. Da weiss man: Das war jetzt mehr als knapp. Im Laufe von fast 40 Jahren Bergführertätigkeit kommt so etwas vor.
Gibt es in der Branche eine Kultur, in der man solche Fehlentscheidungen offen analysiert, oder behält man diese lieber für sich?
Der Schweizer Bergführerverband bietet ein vertrauliches Meldesystem für Beinaheunfälle an. Es wird noch nicht sehr häufig genutzt, aber das braucht Zeit. Wir müssen weg vom Einzelgängertum hin zum Risikomanager, der auch den Mut hat, über Fehlentscheide zu sprechen.
Kommen wir zurück zum Thuner Urteil: Welche Signalwirkung geht von diesem aus?
Ob es kurzfristig grosse Auswirkungen hat, muss sich zeigen. Ich glaube nicht, dass junge Alpinisten nun aus Angst nicht mehr Bergführer werden wollen. Aber alle Leitenden – vom Bergführer bis zum SAC-Tourenleiter – werden sich wieder verstärkt bewusst, wie wichtig es ist, innerhalb der Sicherheitsstandards zu bleiben.
Verändert das Urteil Ihre eigene Risikobeurteilung?
Nein. Ich war schon immer eher eine Person, die wenig Risiko in Kauf nimmt. Glücklicherweise bin ich bisher auch noch nie in eine lebensbedrohliche Situation mit einem Gast gekommen. Ich bin mir aber bewusst, dass sich dies jederzeit ändern kann.
