Freiheit, Risiko und die Verantwortung am Berg
Tribune de Genève et 24 heures, 28.–29.03.2026, Pierre Mathey

Alpinismus – in den Schweizer Alpen und darüber hinaus – ist ein anspruchsvoller Balanceakt zwischen Eigenverantwortung und der Solidarität innerhalb der Seilschaft. Aus der Perspektive eines Bergführers, der täglich im Gelände steht, zeigt sich seit längerem eine klare Entwicklung: Der Andrang in den Bergen nimmt zu, die Profile der Bergsteiger wandeln sich und der Umgang mit Risiken verändert sich grundlegend. Zwischen der Faszination für die Gipfel und dem Drang nach Sicherheit ist ein Spannungsfeld entstanden, das weit über den Bergsport hinausreicht und eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung widerspiegelt.
Lange Zeit basierte das Bergsteigen auf der bewussten Akzeptanz von Gefahren. Einen Gipfel zu besteigen bedeutete, sich auf das Unvorhersehbare einzulassen: Wind, Schnee, Erschöpfung und Entscheidungen ohne Erfolgsgarantie. „Der Berg ist weder gerecht noch ungerecht, er ist gefährlich“, schrieb Reinhold Messner. Diese Realität wirkte nicht abschreckend. Bei jeder Entscheidung waren Körper und Geist gefordert; man ging so weit, wie das eigene Verständnis und die eigene Kraft reichten.
Heute vermitteln technischer Fortschritt, umfassendes Wissen, präzise Daten und effiziente Rettungssysteme oft die Illusion einer beherrschbaren Umwelt. In der Praxis stösst diese Wahrnehmung jedoch schnell an ihre Grenzen: Die Berge führen uns vor Augen, dass Risiken nicht verschwinden – man kann sie lediglich verstehen und managen. Kein Regelwerk kann den Zufall ausschalten, kein Verfahren die Urteilskraft ersetzen.
In meiner Arbeit als Bergführer wird dieser Wandel konkret spürbar. Die Erwartungen ändern sich. Verbindlichkeit wird manchmal als verhandelbar wahrgenommen, als könne Sicherheit allein durch externe Mittel garantiert werden. Doch am Berg bleibt die Entscheidung unumgänglich. Und vor allem: Die Konsequenzen lassen sich nicht delegieren.
Diese Dualität spiegelt eine breitere gesellschaftliche Entwicklung wider. Angesichts von Unsicherheit reagiert das System heute meist mit Normen, Regulierungen oder Verboten. Es wird die Illusion erzeugt, alles sei unter Kontrolle, statt Zusammenhänge zu erklären oder Erfahrungen zu teilen. Im Gelände zeigen solche Ansätze jedoch schnell ihre Grenzen. Die Komplexität der Wirklichkeit entzieht sich starren Regeln ebenso wie den Ratschlägen der Besserwisser, die meist erst im Nachhinein alles kommen sahen.
Es geht nicht darum, zu verbieten, sondern zu bilden und in die Verantwortung zu nehmen. Wir müssen lernen, die Umwelt zu verstehen, ihre Zeichen zu lesen und die eigenen Grenzen zu erkennen. Es gilt, die Entscheidungsfähigkeit in der Unsicherheit zu stärken, statt zu versuchen, die Unsicherheit abzuschaffen. Das ist am Berg lebensnotwendig, aber auch eine fundamentale Aufgabe für unsere Gesellschaft als Ganzes, besonders in den Alpenregionen.
Sich einzulassen ist integraler Bestandteil des Alpinismus. Diese Wahl bedeutet nicht die Abwesenheit von Grenzen. Sie impliziert, andere nicht in Gefahr zu bringen und die Konsequenzen des eigenen Handelns voll zu tragen. Eine Fehlentscheidung kann Rettungskräfte mobilisieren, Dritte gefährden und ein individuelles Abenteuer zu einer kollektiven Belastung machen. Jeder Schritt ist eine Verpflichtung, jede Bewegung zählt.
Der Bergführer agiert in diesem Gleichgewicht: nicht verbieten, sondern unter Bedingungen ermöglichen. Er erlaubt das Vorankommen durch konsequentes Risikomanagement: Vorbereitung, Routenwahl, Geländebeurteilung, Timing, Anpassungsfähigkeit und – wenn nötig – die Umkehr. Diese Entscheidung wird oft missverstanden. Ganz im Sinne von Gaston Rébuffat gilt: Der Gipfel ist nie ein Muss, der Abstieg hingegen schon. Die Berge stehen auch morgen noch da. Umzukehren ist kein Scheitern. Es ist eine schwierige Entscheidung, oft die anspruchsvollste überhaupt. Sie erfordert Klarheit, Demut und Mut. Sie erinnert uns daran, dass die Realität immer über dem Ziel steht und dass es essenziell ist, im richtigen Moment Nein zu sagen.
Demut und Respekt sind keine abstrakten Begriffe. In einer Seilschaft hängt jeder vom anderen ab. Vertrauen wächst durch Klarheit, durch konsequente Entscheidungen und geteilte Verantwortung. Diese Erfahrung der Verbundenheit geht über die Berge hinaus. Sie mahnt uns, dass jede echte Freiheit immer in der Beziehung zu unseren Mitmenschen steht.
Der Berg wirkt so als Seismograph. Dort, wo wir versuchen, alles zu reglementieren und zu delegieren, erzwingt er persönliches Engagement. Wo wir zögern, Verantwortung zu übernehmen, verlangt er Entscheidungen. Der Berg erinnert uns daran, dass Fehler, Unvorhergesehenes und Unfälle Teil jeder menschlichen Aktivität sind. Schliesst man diese Unwägbarkeiten aus, leugnet man Wirklichkeit.
Risiko als Gegebenheit zu akzeptieren, bedeutet auch, Einschränkungen anzunehmen: die des eigenen Körpers, die des Geländes, die des Wetters. Die Natur verhandelt nicht. Sie setzt sich durch, manchmal brutal, immer kompromisslos. Aus dieser Konfrontation heraus entsteht eine Form von Klarheit: das Verständnis, dass nicht alles beherrschbar ist – und das Lernen, innerhalb dieser Grenzen zu handeln.
Mehr denn je rechtfertigen politische Akteure ihre Entscheidungen heute mit dem „Vorsorgeprinzip“ und stützen sich auf Expertenmeinungen. Allzu oft wird per Delegation entschieden, ohne die Verantwortung persönlich zu tragen oder die Betroffenen ernsthaft einzubeziehen. Eine lebendige Gesellschaft basiert jedoch auf der Fähigkeit, etwas persönlich zu wagen und sich persönlich zu engagieren. Die Leugnung jeglichen Risikos führt zum Stillstand und schwächt die Entwicklungsfähigkeit. Ein bewusster und verantwortungsvoller Umgang mit Gefahren hingegen ermöglicht Fortschritt, Lernen und sozialen Zusammenhalt.
Die Berge lehren uns eine fundamentale Wahrheit: Freiheit ohne Verantwortung, ohne Respekt und ohne Demut ist nicht zu haben. Nur aus dieser Bewegung heraus entsteht eine nachhaltige und zutiefst menschliche Praxis, die nicht nur das persönliche Erleben, sondern auch das Leben in Gemeinschaft und Gesellschaft bereichert.
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Pierre Mathey, Bergführer