Ein Bergführer sagt über Lawinen: «Die schneearmen Winter sind die gefährlichsten»
NZZ, 19.02.2026, Elena Oberholzer, Renato Schatz

Schnee und Winde sorgen für grosse Lawinengefahr in der Schweiz. Wie verhält man sich als Wintersportler? Und wo lauert die grösste Gefahr? Nachgefragt bei einem, der schon lange den Schnee studiert.
Jörn Heller ist seit über dreissig Jahren als Bergführer in den Alpen unterwegs: Im Berner Oberland, am Mont Blanc, auf der Haute Route zwischen Zermatt und Chamonix. Diese Woche ist er jedoch zu Hause, im süddeutschen Schwarzwald. Von seinem Schreibtisch aus schaut er sich die Wetterdaten an, die Webcams, Schneemengen, Lawinenkarten. Dann rechnet er los.
Heller arbeitet für die Alpinschule Berg + Tal und koordiniert diese Woche die Touren: «Wir sagen viele Touren ab», sagt er und ruft ins Telefon: «Hier ist die Hölle los.»
Die Lawinengefahr ist in vielen Teilen der Schweiz gerade sehr hoch, gleichzeitig sind in einigen Kantonen Sportferien, und viele Menschen sind in den Bergen unterwegs. Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation ein?
Sehr heikel. In den vergangenen 48 Stunden sind im Wallis und in angrenzenden Regionen anderthalb Meter und in Graubünden bis zu ein Meter Schnee gefallen. Dazu kommt der starke Wind, das macht die Sache noch gefährlicher. Und: Wir hatten bisher sehr wenig Schnee. Und die schneearmen Winter sind die gefährlichsten.
Warum?
Wenn wenig Schnee liegt, sind die Schneeschichten oft schwach und leicht zu stören. Wenn auf diese schwachen Schichten eine grosse Menge Neuschnee fällt, ist das Risiko einer Lawine gross, weil sich der neue Schnee schlecht mit der alten Schneeschicht verbindet. Wir sprechen dann von einem Altschneeproblem. Schneearme Winter suggerieren geringe Lawinengefahr, aber das Gegenteil ist der Fall.
Können Sie Vergleiche ziehen zu anderen Jahren?
Derzeit gibt es deutlich mehr Lawinen, die Personen mitreissen. Und damit zwangsläufig auch mehr Unfälle. In der Schweiz sterben im Schnitt jährlich gut 20 Personen durch Lawinen. In diesem Jahr hat es bereits 13 Todesfälle gegeben.
Seit dreissig Jahren organisieren und leiten Sie Skitouren, unter anderem auf der berühmten Haute Route zwischen Zermatt und Chamonix. Wie gehen Sie vor, wenn Sie die Lage am Berg analysieren?
Wenn es wirklich gefährlich ist, gehe ich nicht los. Bei Gefahrenstufe 4 etwa, die auch jetzt gilt. Wir sagen deshalb zurzeit viele Touren ab. Das ist aber immer Ergebnis einer Strategie. Sie entscheidet, nicht die Intuition oder die Erfahrung.
Was ist die Stragegie?
Die Vorbereitung beginnt zu Hause: Ich schaue den Lawinenlagebericht an, dann den Wetterbericht. Wichtig ist auch, dass ich die Historie des Winters kenne und weiss, wie die Schneedecke aufgebaut ist. Dann erst überlege ich mir, wo ich hinwill. Ausserdem ist es zentral, wie erfahren die Leute sind, mit denen ich unterwegs bin. Vor Ort analysiere ich dann jeden Hang noch einmal einzeln.
Wann fühlen Sie sich selbst unwohl?
Auch die Lawinenstufe 2 kann heikel sein: wenn der Warndienst auf eine schwache Schneedecke hinweist. Viele unterschätzen diese Stufe, fühlen sich sicher, werden unaufmerksam. Die Chance, dass es zu einer Lawine kommt, ist zwar geringer, aber die Konsequenzen sind fatal. Stufe 3 ist anders: Da hat man die Hosen voll, weil man Geräusche in der Schneedecke hört.
Die Schneedecke gibt Warngeräusche ab?
Oft gibt die Schneedecke ab Lawinenwarnstufe 3 Warnsignale ab. Der Schnee macht Wumm-Geräusche. Ein anderes Zeichen sind Lawinenabgänge, auch in nicht ganz so steilem Gelände. Zudem kann es Risse in der Schneedecke geben.
Was ist das Erste, was Sie den Leuten bei Skitourenkursen über Lawinen erzählen?
Ich sage, dass ich nicht zaubern kann. Gleichzeitig versuche ich zu erklären, was die gegenwärtige Lawinensituation für die Gruppe bedeutet und wie man den Lawinenlagebericht liest.
Ist man sicher, solange man sich auf der offiziellen Piste oder auf dem Wanderweg befindet?
Bei Lawinenwarnstufe 4 kommt es zu Spontanauslösungen, die ganze Geländekammern überziehen können. Da kann man in einem vermeintlich sehr sicheren Gelände unterwegs und trotzdem betroffen sein. Die Lawinenkommission eines Skigebiets weiss zwar, wo die heiklen Stellen sind. Aber immer wieder dringen Lawinen in sicheres Gelände vor. Anfang Woche stellten deshalb auch zahlreiche Skigebiete den Betrieb ein, unter ihnen Saas-Fee.
Wie gut sind die Menschen, die sich abseits der Piste in den Schnee wagen, über Lawinen informiert?
Es waren noch nie so gute Daten frei verfügbar wie heute. An der Informationsqualität liegt es nicht. Lawinenlageberichte sind europaweit standardisiert. Aber Einzelpersonen haben blinde Flecken. Was ich beobachte: Skitouren sind enorm populär geworden, es sind viel mehr Menschen unterwegs als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Gleichzeitig sind die absoluten Todeszahlen mehr oder weniger gleich geblieben. Das bedeutet wohl, dass die Aufklärung und Ausbildung wirkt.
Wie kommt es überhaupt zu einer Lawine?
Es gibt verschiedene Arten von Lawinen: solche, die spontan abgehen, und solche, die wir Menschen auslösen. Über 90 Prozent der Unfälle entstehen durch sogenannte Schneebrettlawinen. Diese entstehen, wenn sich ein Mensch mitten auf einem Schneebrett befindet und der Schnee so in Bewegung kommt.
Der Mensch löst sie aus?
Ja, wenn folgende drei Dinge zutreffen: Es gibt schwache Schichten in der Schneedecke. Zweitens liegt darüber ein Schneebrett, das meist aus vom Wind Ja, wenn folgende drei Dinge zutreffen: Es gibt schwache Schichten in der Schneedecke. Zweitens liegt darüber ein Schneebrett, das meist aus vom Wind verblasenem Triebschnee besteht. Drittens muss das Gelände steil sein, also mindestens dreissig Grad. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, reicht manchmal schon wenig Bewegung aus, dass der Hang ins Rutschen kommt.
Mittlerweile gibt es sehr viel Ausrüstung für Wintersportler. Aber welche Gadgets braucht man wirklich, wenn ein Hang ins Rutschen kommt?
Das allerwichtigste Gadget ist die Vorbereitung. Man muss sich sauber informieren und die gängigen Tools und Informationsseiten konsequent abarbeiten. So sinkt die Wahrscheinlichkeit massiv, überhaupt in einen Lawinenunfall verwickelt zu werden. Wenn man oben ist und eine Lawine kommt, dann, na ja, ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.
Dennoch: Was ist die Standardausrüstung für eine Skitour?
Dazu gehören heute eine hochwertige Schaufel, eine Sonde, ein Lawinen-Airbag und ein besonderes Suchgerät. Das sendet und empfängt automatisch die Signale anderer Skitourengänger in einem Radius von fünfzig bis achtzig Meter, auch wenn sie verschüttet sind.
Was bringt der Airbag?
Er erhöht die Überlebenschance um zirka 50 Prozent, weil es einen Sortiereffekt gibt. Wie beim Müsli. Wenn man das Müsli schüttelt, kommen die grossen Nüsse nach oben. Aber man muss die Leute darauf trainieren, dass sie den Airbag auch wirklich auslösen, ihn ziehen, wenn eine Lawine niedergeht. Das muss zum Reflex werden. Dazu: alles loswerden, was einen irgendwie nach unten ziehen könnte, Skistöcke, Ski, und dann Schwimmbewegungen machen, damit man an der Oberfläche bleibt. Aber das weiss ich nur aus der Theorie.
Sie wurden also noch nie verschüttet?
Ich war schon bei vielen Rettungen dabei. Aber selbst verschüttet wurde ich noch nie. Was nicht heisst, dass ich alles richtig gemacht habe. Vielleicht hatte ich einfach mehr Glück als andere.
Wie hilft man einer verschütteten Person?
Wichtig ist, dass man die Stelle lokalisiert, wo die Person vom Schnee erfasst und verschluckt wurde. Danach unbedingt einen Notruf absetzen. Ausser, man sucht alleine, dann würde ich zuerst suchen und dann Alarm schlagen. Man hat nämlich nicht viel Zeit. Wenn jemand ganz verschüttet ist, beträgt die Überlebenschance in den ersten zehn Minuten noch etwa 90 Prozent. Danach sinkt sie sehr schnell auf 50 Prozent oder weniger.
Und die Person erstickt?
Nein, im Grunde vergiftet man sich selbst: mit dem Ausatmen von CO2.
Warum gehen die Leute trotzdem hoch und setzen sich diesen Gefahren aus?
Man kann das Restrisiko relativ gering halten. Mit guter Planung, Know-how, guter Ausrüstung und Demut. Ist das gegeben: Warum soll ich dann dort nicht unterwegs sein können?
Was macht die Faszination Berg für Sie aus?
Auch das ist abhängig von der Gefahrensituation, von der Eintrittswahrscheinlichkeit einer Lawine.
Davon abgesehen?
Für mich: die Ästhetik der Berge, die majestätische Gebirgswelt. Es ist eine der letzten Landschaften, die noch halbwegs ursprünglich sind. In den Bergen sind wir so klein, wie wir nur sein können.
Im Wallis sind gerade ganze Täler abgeschnitten und Zuglinien unterbrochen – alles wegen Lawinen.
Wie hat sich die Situation in den Bergen in den vergangenen Jahrzehnten verändert?
Es ist gefährlicher als früher. Wahrscheinlich wegen des Klimawandels. Er bedingt, dass es weniger Niederschläge gibt. Und wenn es weniger Niederschläge gibt, haben wir mehr Altschnee, der für die Hälfte aller Lawinenunfälle verantwortlich ist. Das ist besonders gefährlich, weil wenig Niederschlag und damit wenig Schnee eine geringere Lawinengefahr suggeriert – und die Leute deshalb in die Berge strömen. Und wenn dann mal Schnee fällt, dann kommt viel. Wie jetzt gerade, wo wir exorbitante Schneemassen erleben. Warnstufe 5, wie sie am Dienstag kurzzeitig galt, kommt in der Schweiz selten vor.
Welcher Schweizer Berg ist am gefährlichsten?
In Bezug auf Lawinen sind alle inneralpinen Trockentäler besonders gefährdet. Täler, die abgeschirmt sind und vergleichsweise wenig Niederschlag haben. Die Zusammensetzung der Schneedecke ist dort schlecht, es kommt zum Altschneeproblem. Dazu zählen beispielsweise grosse Teile des Kantons Graubünden und das Goms im Wallis.
